2014 führte nextpractice die Studie „Deutschland im Wandel: Systemoptimierung oder Paradigmenwechsel?“ im Auftrag von dm und Götz Werner durch. Das Ergebnis war ebenso eindeutig wie niederschmetternd: Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Weit über die Hälfte der Bürger hat das Gefühl, dass sich die Solidarität dem Gefrierpunkt nähert. Es dominiert ein tiefes Gefühl der Resignation. Politik, Wirtschaft und eine immer schmalere Elite von „Leistungsträgern“ orientieren sich nicht mehr am Gemeinwohl, sondern an Einzelinteressen. Einigkeit besteht nur darin, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Vier Fünftel der Menschen sind sich sicher: Deutschland braucht eine grundlegende Neuorientierung. Das kulturelle Band gemeinsamer Werte und Überzeugungen ist in unserer Gesellschaft zum Zerreißen gespannt. Umso erstaunlicher erscheint es, dass Führungskräfte in Politik und Wirtschaft nur selten auf die Idee kommen, die Menschen an ihren Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Riesige Ressourcen an verteiltem Wissen und kollektiver Intelligenz liegen brach.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Kein Zweifel, die Welt ist komplexer geworden und befindet sich im Umbruch. Verunsichernde Phasen intensiver Veränderung hat es in der Geschichte zwar viele gegeben – aber die aktuelle Dynamik scheint alles bisher Dagewesene zu sprengen. Mit der Globalisierung und der Entwicklung der neuen Kommunikationstechnologien hat die Vernetzungsdichte in und zwischen allen Systemen drastisch zugenommen. Die Menge der Einzelbeiträge, die über die digitalen Netzwerke direkt und nahezu ungefiltert ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit dringen, erzeugt ein mediales Rauschen, dass es immer schwerer macht, die Zeichen der Zeit zu erkennen: Was ist tatsächlich von Bedeutung? Es ist eine Welt entstanden, in der Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität ein Ausmaß erreichen, das es den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Gesellschaft immer schwerer macht, Entwicklungsprozesse anzustoßen, die unsere Systeme agil und anpassungsfähig machen.

Sichtbare Spannungen sind oft ein Indiz für tiefgreifende Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft. Dazu zählen Symptome wie zunehmende Spaltungstendenzen in „arm“ und „reich“, Polarisierungen im Denken, größer werdende Konflikt- und Gewaltbereitschaft, aber auch Überforderung, die sich in einer Zunahme physischer und psychischer Krankheiten zeigt. Damit solche Spannungen produktiv bearbeitet und prozessiert werden können, braucht es zunächst ein gemeinsames Verständnis davon, welche Treiber das Miteinander beeinflussen. Denn oft sind es unterschiedliche unbewusste Wertvorstellungen, die im Kräftespiel gegeneinander Spannungen erzeugen und all diese Symptome hervorbringen. Die Zusammenhänge, die auf tieferen Ebenen zwischen Menschen wirken, kann die nextpractice GmbH über ein eigenes Interviewverfahren bildhaft darstellen.

Im Auftrag von und in Kooperation mit verschiedenen Institutionen hat nextpractice seit 2008 mehr als zehn Studien zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten mit insgesamt 3.500 Tiefeninterviews von jeweils eineinhalb bis zwei Stunden Länge durchgeführt, um die Entwicklung gesellschaftlicher Wertvorstellungen in Deutschland zu analysieren. Bei einer übergreifenden Analyse der gemessenen kulturellen Kraftfelder der verschiedenen Studien im Sinne einer Multiperspektiven-Betrachtung „Deutschland im Wandel“ wird ein bemerkenswertes Ergebnis deutlich: Angesichts der Datenlage aus den Interviews lässt sich die Annahme einer einheitlichen und starken gesellschaftlichen Mitte kaum mehr halten sondern eine Aufspaltung in verschiedene eigenständige und nahezu unabhängige Wertegruppen erkennen.

Die Perspektiven einzelner Wertegruppen haben sich so weit voneinander entfernt, dass sie nur noch wenige Wertvorstellungen teilen. Angesichts dieser abgeschmolzenen Verständnisbasis ist die Wahrscheinlichkeit konfliktträchtiger Polarisierung hoch. Das wertekulturelle Band zwischen den Menschen in Deutschland ist offenkundig zum Zerreißen gespannt und ein „Weiter so wie bisher“ sicher nicht empfehlenswert. Ohne professionelle und intelligente Reflexion der wertekulturellen Dynamik wächst das Risiko der Stagnation durch eskalierende Konfrontation (s. Stuttgart 21) oder durch offene und verdeckte Verweigerung (s. Nichtwähler).

Der zumindest implizit schon geforderte Paradigmen- und Systemwechsel in Deutschland sollte vor diesem Hintergrund zu einem bewussten, gemeinsamen und pro-aktiv gestalteten Prozess werden, der unnötige Friktionen ausspart. Dazu wollen wir mit diesem Projekt einen Beitrag leisten. Eine Wertestudie zu den Ansprüchen und Bedürfnissen bezüglich des gesellschaftlichen Zusammenhalts soll zunächst aufzeigen, welche Werte, Normen und impliziten Konzepte in der zunehmend pluralisierten Gesellschaft und ihren Gruppen übergreifend resonanzfähig sind, um darauf aufbauend eine Wertediskussion anschließen zu lassen. Auch vor dem Hintergrund der im größeren Ausmaß noch anstehenden (kulturellen) Integration der vielen nach Deutschland geflüchteten Menschen erscheint dieser erste Schritt sinnvoll.

Nur wenn wir verstehen, welche unterschiedlichen Kräfte und Wertesysteme sich unter der Oberfläche formieren und – ähnlich wie bei einem Erdbeben – zu Spannungen führen, können wir den Übergang zu neuen Formen von Gesellschaft angemessen und von möglichst vielen Menschen getragen gestalten. Über die Entwicklung eines partizipativen Formates und eine pilothafte Anwendung sollen im zweiten Schritt des Projekts die Weichen dafür gestellt werden, das Potenzial eines lebenswerten und gerechten Miteinanders für die Zukunft in kollektiven, intelligenten und partizipativen Prozessen zu heben.